Wer durch die Bergedorfer Altstadt geht, läuft an einem der ältesten Wahrzeichen Hamburgs vorbei: dem einzigen erhaltenen Schloss der Hansestadt, umgeben von einem Wassergraben, gespeist aus der Bille. Genau dort, wo der Fluss gestaut wurde, begann vor mehr als 800 Jahren die Geschichte eines Ortes, der sich bis heute nicht ganz als Hamburg fühlt.
Bergedorf ist der Bezirk, der gern betont, dass er seine eigene Geschichte hat. Die Belege geben ihm recht. Fast 450 Jahre lang gehörte die Stadt gleich zwei Hansestädten, Hamburg und Lübeck, gemeinsam. Diese Chronik führt vom Kirchspiel Bergerdorp des 12. Jahrhunderts bis zum neuen Stadtteil Oberbillwerder.
- Erste Erwähnung 1162: Das Kirchspiel Bergerdorp
- Das Schloss an der Bille
- Stadtrecht 1275: Vom Dorf zum Ackerbürgerstädtchen
- 1420: Hamburg und Lübeck erobern Bergedorf
- 1842: Die erste Eisenbahn Norddeutschlands
- 1868: Das Ende des Doppelbesitzes
- Industrialisierung: Vom Marktort zum modernen Vorort
- 1912: Die Sternwarte auf dem Gojenberg
- NS-Zeit und der Weg nach Hamburg
- Nachkriegszeit: Der Bezirk Bergedorf entsteht
- Heute und morgen: Der größte Bezirk wächst weiter
- Quellen
Erste Erwähnung 1162: Das Kirchspiel Bergerdorp
Die Geschichte Bergedorfs beginnt mit einer Lage und mit Wasser. Am Knick der Bille, dort wo der Fluss sich durch die Marsch windet, lag ein Geestrücken, der über den nassen Niederungen aufragte. Schon um 1150 begann die Eindeichung der Elbinseln, aus denen später die Vier- und Marschlande wurden, und das Gebiet wurde nach und nach besiedelt.
Urkundlich greifbar wird der Ort 1162, als das Kirchspiel "Bergerdorp" erstmals erwähnt wird. Der Name verbindet den Berg, also den Geestrücken, mit dem Dorf in der Marsch.1
Von 1202 bis 1227 stand Bergedorf unter der Herrschaft des dänischen Königs Waldemar II. Diese Phase war der Entwicklung förderlich: An der Kreuzung wichtiger Ost-West-Handelswege entstand das noch heute erkennbare Zentrum des Ortes.2
Das Schloss an der Bille
1208 ließ Graf Albrecht von Orlamünde die Bille aufstauen und eine Kornwassermühle errichten. Der gestaute Fluss schuf zugleich die ideale Lage für eine Wehranlage. Zwischen 1212 und 1224 entstand an dieser Stelle eine Wasserburg, der Vorläufer des heutigen Schlosses Bergedorf.3
Nach der Schlacht bei Bornhöved 1227 fiel das Gebiet an Graf Adolf IV. von Schauenburg. Das Schloss blieb über Jahrhunderte Sitz wechselnder Herren und ist heute der einzige erhaltene Schlossbau auf Hamburger Stadtgebiet. In seinen Mauern steckt der älteste Teil der Bergedorfer Geschichte.4
Stadtrecht 1275: Vom Dorf zum Ackerbürgerstädtchen
1275 verlieh Herzog Johann I. von Sachsen-Lauenburg dem Ort nach dem Vorbild von Mölln und Lübeck das Stadtrecht. Aus dem Kirchspiel wurde ein Ackerbürgerstädtchen, ein kleiner Ort, dessen Bewohner zugleich Bürger und Bauern waren.5
Stadt und Land zugleich
Bergedorf war als Ackerbürgerstadt eng mit dem umliegenden Land verbunden. Die fruchtbaren Vier- und Marschlande lieferten Gemüse und Blumen, ein Erbe, das den Bezirk bis heute prägt. Mehr dazu in unserer Übersicht der Stadtteile von Bergedorf.
1370 verpfändete Herzog Erich III. Bergedorf an Lübeck. Nach seinem Tod 1401 brach sein Vetter Erich IV. den Pfandvertrag, holte sich Bergedorf zurück und vertrieb die Lübecker. Damit war der Konflikt vorgezeichnet, der zwei Jahrzehnte später die entscheidende Wende brachte.
1420: Hamburg und Lübeck erobern Bergedorf
1420 hatten Hamburg und Lübeck genug von den Sachsen-Lauenburgern, deren Raubzüge die gemeinsamen Handelsinteressen der Hanse störten. Die beiden Hansestädte zogen gemeinsam gegen Bergedorf. Die Besatzung der Burg kapitulierte nach fünf Tagen und durfte frei abziehen.6
Im Vertrag von Perleberg sicherten sich Hamburg und Lübeck die gemeinsame Herrschaft über Bergedorf, die Vierlande, Geesthacht und den halben Sachsenwald. Verwaltet wurde das Gebiet gemeinsam, aber im Wechsel. So begann eine der ungewöhnlichsten Verwaltungsgeschichten Deutschlands.7
Eine Stadt, zwei Herren: Bergedorf gehörte fast 450 Jahre lang Hamburg und Lübeck gemeinsam.
Die folgenden Jahrhunderte verliefen ruhig, aber nicht ereignislos. 1544 führte Ditmar Koel die Reformation in Bergedorf ein. 1621 vernichtete ein großer Stadtbrand etwa die Hälfte des Ortes. Während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) zahlte Bergedorf Tribut, um einer Besetzung durch die katholische Liga zu entgehen.8
Der letzte Hexenprozess Hamburgs
Ein dunkles Kapitel spielte sich von 1676 bis 1678 ab. Margareth Uhler wurde der Hexerei beschuldigt und 21 Monate lang festgehalten. Ihr Prozess gilt als der letzte Hexenprozess im Hamburger Gebiet. Am Ende wurde sie 1678 freigesprochen.
1842: Die erste Eisenbahn Norddeutschlands
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Bergedorf zum Pionier der Verkehrsgeschichte. Der englische Ingenieur William Lindley plante ab 1838 eine Bahnstrecke von Hamburg nach Bergedorf. Am 7. Mai 1842 ging die Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn in Betrieb, die erste Eisenbahnstrecke in Norddeutschland überhaupt.9
Die feierliche Eröffnung fiel buchstäblich ins Wasser, beziehungsweise in die Flammen: Im selben Mai 1842 verwüstete der Große Brand Hamburgs die Innenstadt, sodass die Feierlichkeiten ausfielen. Die Bahnhofsgebäude entwarf der Architekt Alexis de Chateauneuf. 1846 wurde die Strecke bis Berlin verlängert. Bergedorf lag damit an einer der wichtigsten Magistralen des Landes.10
Ein weiteres Zeichen der Eigenständigkeit: Von 1861 bis 1867 gab Bergedorf eigene Briefmarken heraus, die bei Sammlern bis heute begehrt sind.
1868: Das Ende des Doppelbesitzes
Die gemeinsame Verwaltung durch zwei Städte wurde mit der Zeit umständlich. Am 8. August 1867 kaufte Hamburg den Lübecker Anteil an Bergedorf für 200.000 preußische Taler. Zum 1. Januar 1868 endete der seit 1420 bestehende beiderstädtische Besitz nach 448 Jahren. Bergedorf gehörte nun endgültig allein zu Hamburg.11
448 Jahre zu zweit
Der gemeinsame Besitz von Hamburg und Lübeck war einzigartig in der deutschen Verwaltungsgeschichte. Aus dem ehemaligen Amt wurde nach 1868 die Landherrenschaft Bergedorf. Die lange Sonderstellung erklärt bis heute, warum sich viele Bergedorfer als Bergedorfer und erst dann als Hamburger fühlen.
Industrialisierung: Vom Marktort zum modernen Vorort
Mit der Gewerbefreiheit ab 1867 und dem Beitritt zum Deutschen Zollverein begann die Industrialisierung. 1869 entstand eine Glashütte als erster Großbetrieb. Bergedorf wandelte sich vom Ackerbürgerstädtchen zum modernen Vorort Hamburgs.12
Unter Bürgermeister Ernst Mantius (1882 bis 1897) wurde die Infrastruktur ausgebaut. 1887 begann eine geregelte Müllabfuhr, 1897 ging das erste Elektrizitätswerk mit elektrischer Straßenbeleuchtung in Betrieb. Um 1900 entstand das gründerzeitliche Villenviertel, das den Ort noch heute prägt. Wie sich die Wohnlagen seither entwickelt haben, zeigt unser Mietspiegel für Bergedorf.13
1912: Die Sternwarte auf dem Gojenberg
1906 fiel die Entscheidung, die Hamburger Sternwarte aus der lichtverschmutzten Innenstadt nach Bergedorf zu verlegen. Auf dem Gojenberg, einem ruhigen Höhenzug fernab störender Lichtquellen, entstand zwischen 1906 und 1912 ein neuer Standort.14
Bei ihrer Einweihung 1912 galt die Anlage als eine der modernsten und größten Sternwarten Europas. Der Große Refraktor von 1911 hat einen Objektivdurchmesser von 60 Zentimetern und eine Brennweite von neun Metern und zählt bis heute zu den größten Linsenfernrohren Deutschlands. Seit 1996 stehen die Gebäude unter Denkmalschutz, seit 2008 gelten sie als nationales Denkmal. Eine der schönsten Sehenswürdigkeiten in Bergedorf.15
In den 1920er Jahren wuchs der Ort weiter: 1927 wurde das Rathaus errichtet, dazu kamen Amtsgericht, Hansa-Gymnasium und ein Flussbad.
NS-Zeit und der Weg nach Hamburg
Gleichschaltung und Bücherverbrennung
Am 28. März 1933 musste der sozialdemokratische Bürgermeister Friedrich Frank zurücktreten und wurde durch den NSDAP-Mann Albrecht Dreves ersetzt. Am 24. Juni 1933 fand bei einer Sonnenwendfeier eine Bücherverbrennung statt, nach dem Vorbild der reichsweiten "Aktion wider den undeutschen Geist".16
Das Groß-Hamburg-Gesetz 1938
Durch das Groß-Hamburg-Gesetz verlor Bergedorf zum 1. Januar 1938 endgültig seine Eigenständigkeit als Stadt und wurde Teil Hamburgs. Eine über 750 Jahre alte städtische Selbstverwaltung endete.17
Zwangsarbeit und das KZ Neuengamme
Auf dem Gebiet des heutigen Bezirks lag das Konzentrationslager Neuengamme, in dem rund 100.000 Menschen inhaftiert waren. Während des Krieges arbeiteten mindestens 2.000 zivile Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene in der Bergedorfer Industrie, auch in der Rüstungsproduktion. Als ländlicher Randbezirk blieb Bergedorf von den schweren Luftangriffen auf Hamburg weitgehend verschont und nahm zahlreiche ausgebombte Hamburger auf.18
Nachkriegszeit: Der Bezirk Bergedorf entsteht
Nach dem Krieg gab es einen wirtschaftlichen Neuanfang. 1945 gründete Kurt A. Körber in Bergedorf die Hauni Maschinenbau, ein weltweit exportierendes Unternehmen, das bis heute zu den prägenden Arbeitgebern der Region zählt.19
1951 wurde durch eine Verwaltungsreform das frühere stormarnsche Lohbrügge mit Bergedorf zum neuen Bezirk Bergedorf zusammengelegt. Damit erhielt der Bezirk seine bis heute gültige Form.20
Die Sturmflut von 1962 traf das westliche Bergedorf schwer, besonders Moorfleet, Billwerder und Allermöhe. In den späten 1960er Jahren entstand die Großwohnsiedlung Bergedorf-West, 1971 die Fußgängerzone im Sachsentor, und 1973 eröffnete das Einkaufszentrum City Center Bergedorf (CCB). Wie sich Bevölkerung und Alltag seither verändert haben, zeigt unsere Übersicht zu den Einwohnern von Bergedorf.21
Heute und morgen: Der größte Bezirk wächst weiter
Bergedorf ist mit rund 155 Quadratkilometern flächenmäßig der größte der sieben Hamburger Bezirke und zugleich der grünste. Ende 2024 lebten hier rund 134.000 Menschen in 14 Stadtteilen, vom dicht bebauten Kern bis zu den weiten Vier- und Marschlanden mit ihren Gewächshäusern und Deichen.22
Das größte Projekt der nächsten Jahre ist Oberbillwerder. Auf rund 120 Hektar entsteht Hamburgs 105. Stadtteil, nach der HafenCity das zweitgrößte Stadtentwicklungsprojekt der Stadt. Geplant sind bis zu 6.500 Wohnungen, etwa 5.000 Arbeitsplätze, ein Hochschulcampus der HAW, mehrere Schulen und Kitas. Der Bebauungsplan ist beschlossen, in den kommenden Jahren soll gebaut werden.
Was sich nicht ändert, ist die Lage am Wasser. Die Bille, einst Gründungsgrund einer Burg und Antrieb der ersten Mühle, bleibt der Anker für die nächsten Kapitel. Bergedorf bleibt, was es seit fast 450 Jahren ist: ein Ort mit eigenem Kopf, der gern betont, dass er nicht nur Hamburg ist.